19. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Wir sind die Nacht (7/13)

Hauptcharakter Lena, die sich noch sichtlich unwohl in ihrem neuen Umfeld und Dasein fühlt, fragt Rudelsführerin Louise, wo die Männer ihrer Gattung sind. "Die gibt es nicht mehr. Die haben wir umgebracht. Die waren zu laut und haben sich entweder gegenseitig gekillt. Der Rest wurde von uns getötet.", so die Antwort der Rudelsführerin. Louise, Charlotte und Nora sind Vampire. Louise sieht in Lena die Person, nach der sie so lange gesucht hat und verwandelt sie bei einer Underground-Techno-Party ebenfalls in einen Blutsauger. Es braucht, bis sich die mit gelegentlichen Diebstählen über Wasser haltende, junge Frau wirklich gefallen am Vampir sein findet. Die luxuriös im Grand Hotel Berlins residierenden Damen geben der jungen Frau das Gefühl der Geborgenheit, von Familie, welches ihr bei der gleichgültig erscheinenden Mutter fehlt. Als die vier Vampirinnen eines Nachts osteuropäische Zuhälter zum Abendessen auswählen und ein kleines Massaker veranstalten, wird die Polizei auf das Quartett aufmerksam. Gleichzeitig brechen die Konflikte innerhalb der Gruppe hervor und die ungewollt von Louise auf die Seite der unsterblichen Untoten gezerrte Lena begehrt ebenfalls gegen die Führerin der Gruppe auf.

Was nach Stoff aus der Traumfabrik klingt, ist in Wahrheit ein deutscher Film. In Berlin gedreht, prominent mit Nina Hoss, Jennifer Ulrich und Karoline Herfurth besetzt, von Dennis Gansel (u. a. Die Welle und Mädchen Mädchen!) in Szene gesetzt und durch und durch am Blockbuster-Mainstream-Kino orientiert. Letzteres eindeutig zu stark: Wir sind die Nacht fehlt es an Profil, an Eigenständigkeit. Versatzstücke aus modernem Mainstream-Horror werden hier zusammengeworfen, Klassiker zitiert und dabei krampfhaft auf modern und cool gemacht, dass seine geringen Individualitäten drohen unterzugehen. Gansels Film könnte ein toller, feministisch gefärbter und moderner Vampirfilm sein, präsentiert uns einschließlich Herfurths Lena Klischeefiguren, die schnell uninteressant werden. Einzig die in ihrer eigenen Vergangenheit lebende, melancholische Charlotte weiß zu gefallen. Herfurth selbst darf wieder die graue Maus spielen, die aus ihrem Leben ausbricht, ihre Persönlichkeit ergründet und gewachsen ins Finale schreitet, um dieses zu gewinnen. Diese Rolle der zuerst schüchternen und verschreckten leiert Herfurth routiniert runter, um dies in den beiden Fack Ju Göhte-Teilen zu perfektionieren.

Schlimmer ist noch, dass Lena nach bestandener Edprüfung bei der Begegnung mit Love Interest Tom diesem nicht etwa wie angedeutet die Zähne ins warme Fleisch rammt, um ihn - wie einst Louise sie - zu einem der Ihrigen zu verwandeln, sondern die Liebe wählt. Das mag schmalzig-süß romantisch sein und das angestrebte Zielpublikum erfreuen, doch ist dies für die ganze Figur und stellvertretend für die weiblichen Vampire des filmischen Kosmos ein herber Rückschritt. Ergibt sich Lena so doch dem Matriarchat und die männlichen Buchautoren zeigen unverhohlen ekelhaft feministischem Denken den Mittelfinger. Da klebt doch ein wenig Kotze im Mundwinkel, wenn man länger darüber nachdenkt. Anstatt vielschichtige Frauenfiguren einen inneren wie äußeren Kampf ausfechten zu lassen, reißt Wir sind die Nacht die Stationen seiner Geschichten an. Verwandlung, hadern mit der neuen Rolle, sich in dieser zurechtfinden, Struggle mit dem Love Interest, Struggle in der Gruppe, dazwischen durchkonzipierte Coolness, die merklich mit einem Auge über den großen Teich nach Hollywood schielt, um ja auch alles richtig zu machen.

Das enge 90 Minuten-Korsett tut dem Film nicht gut und die Macher hätten weitaus mehr Mut und Eigenständigkeit bewiesen, wenn sein feministischer Ton mehr aus dem Hintergrund hervortreten würde. Er funktioniert weder als Horrorfilm, noch als düstere Romanze. Selbst als Berlinfilm versagt er. Das hauptstädtische "Anything goes"-Gefühl blitzt selten hervor. So strafend meine Zeilen klingen, so weitaus weniger schlimm ist es gemeint. Das Deutschland Genrefilme kann, sieht man in den letzten Jahren immer wieder. Das hier ist leider wieder das, was den deutschen Mainstreamfilm - dieses ekelhafte Nachäffen Hollywoods, selbst in seinen RomComs - manchmal so unerträglich macht. Wir sind die Nacht zitiert sicher größere Vorbilder, Dennis Gansel schafft es (mit einiger Mühe) im gehetzten, chaotisch gefärbten Grundton wenige, aber tolle Momente zu schaffen. Charlottes abschließende Begegnung mit ihrer Tochter sei hier als Beispiel genannt. Die Songauswahl ist toll bis sehr gut ("Pretty When You Cry" von VAST!) und ausgerechnet die wenigen Actionszenen geben dem Film den Arschtritt, den er öfter benötigen würde. Doch ach, Wir sind die Nacht ist leider nur eine durchschnittliche Kopie bekannter Vorbilder um dem jungen Kinogänger zu zeigen, dass auch deutscher Film nicht nur mit Fließband-Schmalzkacke á la Schweighöfer und Schweiger punkten kann, sondern auch "cooles Zeugs" abliefern kann. Das ist wenig individuell, selten richtig überzeugend sondern schlicht spürbar bemüht. Wenn Deutsche cool sein wollen, ist das wie hier meist immer mit Pflock im Arsch. Da ist selbst die herzloseste, durchgeplanteste Blockbuster-Massenware aus Hollywood mit mehr Seele ausgestattet. Wir sind die Nacht ist das größte (und mittelmäßigste) "Schade", was der deutsche (Genre-)Film in den letzten Jahren hervorgebracht hat.