6. September 2017

Copykill

Dieser Mann bestach durch seine Gewandtheit, seinem scheinbar allumfassenden Wissen und einer Ausstrahlung, der man sich schwer entziehen konnte. Jeder war von seiner scheinbar perfekten Person fasziniert. Hinter der Hülle verbarg sich ein riesiges Loch von schier unfassbarer Boshaftigkeit, die jeden - wortwörtlich - verzehrte. Hannibal Lecter wickelte seine Opfer wie die Kinogänger um seinen Finger. Einige Jahre zuvor tauchte der Gentleman-Kannibale am Rande in Blutmond, Michael Manns Adaption von Thomas Harris' "Roter Drache", auf. Erst durch Jonathan Demmes Das Schweigen der Lämmer brannte er sich ins kollektive Gedächtnis der Kinogänger und (nicht nur) filmische Serienmörder waren plötzlich en vogue. Psychothriller mit einem oder mehreren Serienmördern als Antagonisten bevölkerten die Kinoleinwand oder wenigstens den Schacht des heimischen Videorekorders.

Durch Demmes Werk begannen die Filmemacher, die Mörder ihrer Filme zu ikonisieren, wie es zuvor im Horrorfilm mit Figuren wie Michael Myers, Jason Voorhees oder Freddy Krueger passierte. Selbst wenn der Ermittler, der Held der Geschichte ein sympathischer Charakter ist, für den man Empathie entwickeln kann: die Killer entwickeln sich zu den heimlichen Helden der Filme. Jon Ariels Copykill macht einiges anders. Die hier behandelten Mörder - David Lee Cullum und Peter Foley - sind Jedermänner. Ottonormalmörder. Ihnen wohnt keine diabolische Aura, ein besonderer Wahn oder ähnliches Inne. Cullum ist ein irrer White Trash-Boy, Foley ein im Alltag kaum auffallender Mensch. Seine geheime Leidenschaft ist das Nachstellen von Morden berühmter früherer Serienmörder wie David Berkowitz oder Albert DeSalvo. Bis er von den ermittelnden Cops M. J. Monahan und Reuben Goetz aufgespürt wird, vergeht einige Zeit. Ohne die Hilfe von der Psychologin Helen Hudson, die nach einem Angriff Cullums nach einem ihrer Vorträge durch Agoraphobie an ihre Wohnung gefesselt ist, hätten sie es nicht geschafft, bringen aber nicht nur sich sondern die nervlich äußerst instabile Hudson in große Gefahr.

Das Drehbuch von Copykill räumt Hudson sehr viel Zeit ein und präsentiert mit der smarten M. J. eine zweite Heldin, was ein kleines Novum in Hollywood war und ist. Mit Sigourney Weaver und Holly Hunter ist die Besetzung für die beiden Figuren sehr gut gewählt. Hunter spielt routiniert, verblasst aber gegenüber ihrer Partnerin Weaver. Diese spielt die intelligente, vom Trauma und ihrer Angst geplagten und zwischen Verzweiflung und kämpferischen Aufbäumen schwankende Helen Hudson mit voller Hingabe. Es ist schön, dass die Autoren zu keiner Zeit eine bloße Kopie ihrer Kultrolle Ellen Ripley im Kopf hatten. Hudson ist fast gebrochen, im Alkohol versunken. Weaver macht den inneren Zwiespalt den ihre Figur hat, die immer noch ein großes Interesse an Serienmördern besitzt, in übergeschnappter Arroganz die Polizei zu Beginn beinahe sogar mit Anrufen belästigt, spürbar. Ihr fehlt lediglich die Kraft, eine weitere Ausnahmesituation, wie sie mit Cullum aufkam, durchzustehen. Hier ertränkt sie den stummen Begleiter Angst in Alkohol und flüchtet sich innerlich davon. Die Bedrohung durch den kopierenden Foley rufen ihre letzten Reserven für einen finalen Kampf hervor.

Copykill zeigt auch einen Kampf der Frau(en) gegen männliche, sexuelle Gewalt und deren Versuch, die Frau um alles in der Welt in einer unterwürfigen Rolle zu halten. Dabei gibt es keine Fighting oder Final Girls. Es ist ein gewaltsamer Kampf von Tough Women. Schade ist dabei, das Copykill als reiner Psychothriller schnell an seine Grenzen kommt. Regisseur Amiel ist ein guter Handwerker, der die unentschlossenen Teile des Drehbuchs nicht ausmerzen kann. Der Spagat zwischen Psychothriller und Drama gelingt nicht. All' den Qualitäten um Helens Figur zum Trotz wirkt Copykill durchkalkuliert. Was nützt das wundervolle (Weaver) bis sehr gute (Hunter) Schauspiel der Hauptdarstellerinnen, einige gut herausgearbeitete Spannungsmomente, wenn sie im Nachgang nicht packen, keine hundertprozentige emotionale Bindung zum Zuschauer aufbauen? Der englische Titel des Films, Copycat, bekommt damit eine gewisse Zweideutigkeit. Ist diese Individualität nur bloßes Kalkül? Nicht direkt. Diesem Eindruck zum Trotz kann Amiels Film überzeugen. Eine bloße Kopie der durch Das Schweigen der Lämmer geprägten Formeln ist er doch nicht. Es fehlt ihm lediglich am Können, auch als Thriller komplett zu funktionieren. Amiel scheint von Weavers Auftritt beeindruckt zu sein, unentschlossen, ob er ihr Spiel zügeln soll und dafür mehr Spannungsmomente aufzubauen.

Copykill wird von Nüchternheit durchzogen, die seine Grundsubstanz aufweicht. Dies ist Aufgrund seines hoch angelegten Standards Meckern auf hohem Niveau. Man wünscht ihm in einigen Momenten das, was seiner Heldin Helen widerfährt: das die kämpferische Kraft,  die verborgen in ihr schlummert, auflodert und sich davon mitreißen lässt. Das wäre es wohl, damit es komplett "Klick" beim Schauen macht und man nicht nur wohlwollend nickt, wenn die Credits über den Bildschirm rollen.