7. Juni 2017

Angelina - Von allen begehrt

Ich habe schon so einiges an Genre- bzw. Exploitation-Filmen gesehen, die sehr abstruse Geschichten oder Ideen boten. Das ausgerechnet ein Erotikfilm aus den 80ern der rein optisch sehr oberflächlich den typischen 80er-Stil zelebriert, allerdings auch sehr bieder daherkommt, mir die Augenbraue mehr als einmal nach oben schnellen lässt, hätte ich auch nicht gedacht. Dann kam Pietro Schivazappas Angelina - Von allen begehrt. Es ist seine Geschichte, welche den alkoholseligen SchleFaZ-Jüngern, die schon bei Ich, ein Groupie bei Twitter einen Scheißeregen auf Tele5 regnen ließen, plötzlichen Herzstillstand bescheren würde.

Angelina, dargestellt von Serena Grandi, führt ein behütetes Leben: sie hat einen Job als Aerobic-Trainerin, ist verheiratet und hat einen Hund. Der Alltag frisst die Ehe allerdings etwas auf: das Ehepaar scheint leicht nebeneinander her zu leben und auch im Bett ist eher das Standardprogramm angesagt. Als Angelina beim nächtlichen Häuserblock umschweifen mit dem kleinen Pudel die Nachbarin im Auto beim Tête-á-Tête mit einem Kerl erwischt, entdeckt sie ihre wahre erotische Leidenschaft. Weil die Nachbarin schamerfüllt davonrennt, deren Lover allerdings noch ordentlich Tinte auf dem Füller hat, vergewaltigt er Angelina in einem Hausflur. Hier bemerkt sie, dass sie es sehr erregend findet, wenn sie beim Liebesspiel vom Mann härter angepackt wird.

Um die wahre Unglaublichkeit des Stoffs aufzuzeigen, muss hier ausnahmsweise die ganze Handlung wiedergegeben und zwangsläufig gespoilert werden. Angelinas Ehemann ist von eher langweiligerer Natur und so lebt sie ihre Neigungen mit anderen Männern, meist wildfremden, aus. Bis sie vom Gatten erwischt wird. Marco, so der Name des angetrauten, trennt sich von Angelina. Zuerst bemüht sie sich, ihn zurückzugewinnen, dann - nachdem Marco merkt, dass ihm auch der Sex mit der Nachbarin nichts bringt - geht das Spiel andersrum. Hier blockt Angelina, trotz aller Bemühungen Marcos und seinem Bekenntnis, dass er mit ihr zusammen sein und mit ihr schlafen möchte. Es gipfelt in der Vergewaltigung Marcos an Angelina, was zum Happy End (sic!) führt: endlich hat Angelina das von Marco bekommen, was sie sich wünschte und zum Schluss des Films liegt man sich glücklich in den Armen.

Ich sehe den im italienischen Genrefilm immer wieder zu Tage tretenden Machis- und Sexismus meistens nicht so eng. Sicher: in der heutigen Zeit ist so etwas zu verurteilen. Aber: man sollte nicht Filme, die vor dreißig oder vierzig Jahren entstanden und aus einem völlig anderen Zeitgeist mit im Vergleich zur Gegenwart differenten gesellschaftlichen Strukturen und Gedankengut stammen, nicht mit den heutigen ethischen Standards sehen und daran geißeln. Bei Angelina fiel es mir schwer, den Kopf diesbezüglich auszuschalten. Vielleicht liegt es auch daran, dass der erzählerisch schwerfällige Film auf den ersten Blick vordergründig so unscheinbar und harmlos erscheint. Den Sexismus, den er dann abbrennt, kann man im ersten Moment eher schwer ertragen. Mit etwas Abstand entlarvt man Angelina allerdings schnell. Schivazappa, der auch den vielerorts sehr gelobten Femina ridens drehte, gelingt es nicht, in seine Geschichte Schwung oder Prickeln zu bringen. Da gleicht der gesamte Film seinem männlichen Protagonisten: beide kommen nicht aus sich raus und wirken in ihrem biederen Auftreten langweilig. Man wundert sich nicht, dass der Funke zwischen dem Paar irgendwann nicht mehr überspringt. Beim Zuschauer schafft es der Film ebenfalls nicht.

Da ist die schier unglaubliche Geschichte sogar noch das größte Highlight, wenn man nicht weiter darüber nachdenkt und sie als trauriges Relikt einer vergangenen Zeit ansieht. Mitlerweile kann ich über diese trashige, überpulpige Story nur noch lachen. Angelina - Von allen begehrt schafft es in seiner Gesamtheit eher nicht. Da bleibt das Gefühl bestehen, dass der Film sich merkbar an amerikanischen Produktionen orientiert und die Geschichte ohne große Highlights und mit wenig Gespür für erotische Momente (bei dieser - ich erwähne es hier gerne öfter - unglaublichen Story Gott sei Dank) auskommt. Direct-To-Video-Durchschnittsware, wie sie Mitte der 80er zu hauf hergestellt wurde. Selbst die mäßigeren Softsex-Streifen eines Joe D'Amato können hier im Vergleich viel mehr unterhalten. Da hilft auch nicht sein fast schon zynischer Sexismus, allen Befreiungsdarstellungen von Angelinas Sexualität zum Trotz. Im Endeffekt zeigt Angelina hier nur, dass die Frau auch hier den freien Willen der matriarchaischen Allmacht beugen muss. Ich verbuche den Film halb kopfschüttelnd, halb lachend als seltsame Fußnote des B-Films.