11. April 2018

The Tall Man

Pascal Laugier brauchte wenige Versuche, um sich in den Herzen hartgesottener Horrorfilmfans zu verankern. Die New Wave of French Horror erhielt durch seinen zweiten Film Martyrs einen ersten Höhepunkt. Es ist auch einer der wenigen Filme, deren Durchschlagkraft dauerhaft wirkt: es mag paradox klingen, dass ich diesen zwar gerne wieder in Sammlung stellen, aber so schnell nicht mehr schauen würde. Aktuell läuft mit Ghostland Laugiers neuester Anschlag auf die Nervenkostüme der Zuschauer in den Kinos. Zwischen diesen beiden Werken schuf Laugier The Tall Man, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob der Druck nach seinem Erfolgsfilm zu groß war oder er aber bewusst nicht noch einen blutigen Schocker machen wollte. Da der Film weitaus leisere Töne von sich gibt, war die Enttäuschung im Lager der nach Blut und Gekröse gierenden Fans groß. The Tall Man ist mehr ein Mysterythriller, der in seinem finalen Akt auch gerne ins dramatische Fach wechselt.

Einer Sache bleibt Laugier treu: in seine Geschichte nicht erwartete Wendungen einzubauen, die - das muss man zugeben - mit der ersten in der besten Tradition Hitchcocks dem Zuschauer vor den Kopf stößt und wirklich überrascht. Er wendet das beim Publikum entstandene Bild über seine Protagonistin Julia um 180 Grad zu einem Zeitpunkt, in dem man in jedem weiteren Moment mehr mit dieser bei ihrer Suche nach ihrem verschwundenen Sohn David mitfiebert. Julias Sprössling ist leider nicht das erste Kind, welches im verarmten und heruntergewirtschafteten Dorf Cold Creek verschwindet. Das durch die Schließung der einst (über)lebenswichtigen Miene stark gebeutelte Örtchen kämpft schwer damit, dass immer wieder in unregelmäßigen Abständen die Töchter und Söhne der am Existenzminimum wandelnden Familien verlorengehen. In Cold Creek geht die Legende um vom "Tall Man", einer schwarz gewandeten Kreatur, welche in den nächtlichen Stunden die Kinder des Dorfs entführt und mit sich nimmt. Julia, Witwe des Dorfarztes und Krankenschwester, macht sich nach Davids Verschwinden entschlossen auf, diesen aus den Fängen des unheimlichen Wesens zu befreien und entdeckt dabei die Wahrheit hinter dem Tall Man.

Ab diesem Zeitpunkt schüttelt Laugier seine Geschichte gründlich durch und setzt deren Grundgerüst anhand dieser Twists immer neu zusammen. Ein Rezept, dass auch bei Martyrs vortrefflich funktionierte. Die zwei größten Wendungen, die nahe beieinander liegen, rütteln nicht nur die Grundkonstellation der Story gründlich durch. Der Regisseur und Autor platzierte sie unglücklich zu einem Zeitpunkt, in der man als Zuschauer mehr und mehr Zugang zur kühlen und in konventionellen Bahnen laufenden Mysterystory bekam. Nach den ersten Sichtungen des titelgebenden Geschöpfs und seinem Lastwagen, werden kleine Erinnerungen an Victor Salvas Jeepers Creepers wach und wecken Erwartungen an die Geschichte, die Laugier bewusst nicht erfüllen möchte. Auch wenn der Franzose mit der ersten Hälfte das Rad nicht neu erfindet, dafür aber die Settings des Orts mit trostlos kühlen Bildern und einem Gespür für Details sehr authentisch erscheinen lässt, findet man - wenn auch mühsam - einen Weg in die Geschichte. Deren um Spannung bemühter Aufbau mit altbekannten Mustern wird von Hauptdarstellerin Jessica Biel aufgewertet, durch deren engagiertes und gutes Spiel die in der Erzählung mangelnden Emotionen beigefügt werden. Die Entscheidung Laugiers in seiner Funktion als Autor, die bisherigen Ereignisse auf den Kopf zu stellen, stoßen nicht nur wie angesprochen vor den Kopf: sie hinterlassen sogar einen säuerlichen Nachgeschmack. Ein gewolltes Anecken, ein Spiel mit Wahrnehmung der Protagonisten und des Zuschauers, das nicht richtig aufgehen mag.

Bald kann man dem franzözischen Filmemacher Faulheit vorwerfen. Halbwegs funktionierende, schockierende Twists lenken The Tall Man weg vom angedeuteten, übernatürlichen Mysteryschocker zu einem Thrillerdrama, das den schemenhaften bösen, schwarzen Mann als einen vom Menschen geschaffenen Schrecken enttarnt. Schon in Martyrs ließ Laugier den übernatürlichen Aspekt fallen um einem realistischeren Unterbau Platz zu machen. Man kann nachvollziehen, dass der Regisseur nicht 1:1 das gleiche, nur mit einigen Änderungen schaffen wollte. Es war mutig, nach einem eben auch bei Splatterfans gefeiertem Film nun den entgegengesetzten Weg zu gehen. Laugier schuf damit seine Form der Provokation, will aber um deren Willen heraus es so einfach wie möglich machen. Dazu kommt eine Auflösung, die mit weiterem Handlungsverlauf ein fragwürdiges Gedankenkonstrukt offen legt, gebettet in einen Thriller mit Sozialdramazügen. Richtig konnte ich mich damit nicht anfreunden; zu verquert erscheint das, wobei Laugier schon interessante Fragen aufwirft. Im Endeffekt kehrt er selbst hier zu Martyrs und den darin aufkommenden Gedanken zurück, wie weit der menschliche Wille des Forschens gehen kann bzw. sollte. In The Tall Man beschäftigt sich Laugier mehr damit, wie weit man als Mensch gehen kann und verloren geglaubte Existenzen mit neuen Chancen im Leben geben kann und dabei auch billigend neu aufkommendes Leid zu schaffen. Das ist durchaus interessant Horror oder Mystery mit sozialethischen Fragen zu kombinieren, kann im gesamten nur bedingt fesseln. Irgendwo wiederholt sich Laugier doch, trotz seines Versuchs, eine neue Geschichte zu erzählen. The Tall Man positioniert sich damit leider im Mittelmaß, lässt seinen Macher dafür weiterhin ebenfalls interessant erscheinen.

10. April 2018

Ein Mann sieht rot

Die Welt wurde 1968 von der Hippie-Bewegung überrollt, einhergehend mit weitreichenden Studentenprotesten, um dem konservativen, angestaubten Establishment mit seinen alten, überholten Werten eine weltoffene Sicht der Dinge entgegenzustellen. Make love, not war. Frieden auf der ganzen Welt war die Prämisse. Kriegerische Auseinandersetzungen wie in Vietnam wurden aufs schärfste Verurteilt. Piep, piep, piep - wir haben uns alle lieb! Paradiesische Zustände sollten in den cannabisverquarzten Köpfen der träumerischen Protestler, in bewusstseinserweiternden Zuständen erdacht, auf der Welt herrschen. Eine schöne Vorstellung; erstrebenswert. Die letzten Jahrzehnte lehren uns, dass davon einiges, aber immer noch zu wenig realisiert wurde. Kulturell schlug das miefige Establishment seit Beginn der 70er mit reaktionärem Kino zurück: Selbstjustiz und Rache zogen sich in großen wie kleinen Produktionen durch das Jahrzehnt. Sam Peckinpah präsentierte 1971 Wer Gewalt sät, die durch steigende Kriminalitätsraten überforderte Polizei erhielt mit Clint Eastwood in Dirty Harry einen das Gesetz zu seinen Gunsten auslegenden "Peacemaker". 1972 erschufen Wes Craven und Sean S. Cunningham mit Last House On The Left quasi das Rape and Revenge-Subgenre, dessen erster, dauerhaft in die Magengrube feuernde und unbequeme Höhepunkt einige Jahre später Meir Zarchis I Spit On Your Grave wurde.

Mit dem 1974 erschienenen Ein Mann sieht rot, jüngst von Eli Roth mit Bruce Willis in der Hauptrolle neu verfilmt, verwurzelte sich der Rache-Thriller noch etwas tiefer im Mainstream. Michael Winner, der zuvor schon häufiger mit Charles Bronson zusammenarbeitete, prägte außerdem mit diesem Film dessen spätere Karriere in den 80ern als alternden, unnachgiebigem Vigilanten. Bis dorthin, ausgehend vom 1982 entstandenen zweiten Teil zu Death Wish, so der Originaltitel, ist es ein weiter Weg. 1974 ist Bronsons Paul Kersey ein liberal eingestellter Mann, der auch durch persönliche Erfahrungen die Ansichten seines Arbeitskollegen, der Kersey nach seinem Urlaub u. a. mit Kriminalstatistiken konfrontiert, nicht teilt. Das die Stadt bei weitem nicht der paradiesisch anmutende Ort, in dem der Bauingenieur mit seiner Frau die freie Zeit genoss, ist, zeigt nicht nur der rot schimmernde Himmel, der in bedrohlichem Rot bei ihrer Rückkehr nach New York erleuchtet. Nach einem Einkauf werden Kerseys Frau Joanna und seine Tochter Carol in ihrer Wohnung von drei Kleinkriminellen überfallen; Joanna stirbt an den Folgen des gewaltsamen Übergriffs, Carol erleidet durch den Vorfall und ihre Vergewaltigung ein schwerwiegendes Trauma. Kerseys Verlangen, selbst Rache zu üben, wächst langsam. Begebenheiten in der Notaufnahme, eine unbefriedigende Unterredung auf der Polizeiwache und nicht zuletzt ein beruflicher Abstecher nach Texas, bei dem ihm ein Kunde seiner Firma, ein Vollbluttexaner, seine Sicht auf die Dinge und die Welt näher bringt, lassen das bisherige Weltbild Kerseys wanken.

Final stürzt es ein, als er zurück in New York auf dem Heimweg überfallen wird und diesen mit Gegenwehr glücklicherweise vereiteln kann. Kersey bewaffnet sich daraufhin mit dem Abschiedsgeschenk seines Kunden, einem Revolver, um des Nachts den kriminellen Schmutz von der Straße zu räumen. Schnell werden die Medien und auch die Polizei auf den selbsternannten Rächer aufmerksam. In seinem Review zu Ein Mann sieht rot bemerkt Oliver Nöding, dass nach so vielen Jahren sich bisher niemand komplett positiv zu diesem Film äußern will oder kann. Verherrlichung von Selbstjustiz, Verbreitung von Nulltoleranzdenken im Bezug auf Kriminalitätsbekämpfung wurde oder wird Winners Film vorgeworfen. Ist in den heutigen Zeiten der (manchmal übertriebenen) Political Correctness es noch schwieriger, ein komplettes, wertendes Urteil über Ein Mann sieht rot abzugeben? Darf man sowas heute überhaupt noch gut finden? Unter Vorbehalt: ja. Man kommt nicht drumherum zuzugeben, dass Winners Film gut gemacht und atmosphärisch dicht ist. Formell betrachtet krankt er erzählerisch an der episodenhaften zweiten Hälfte des Films, die Kersey in Aktion zeigen. Da verflacht die Geschichte und es wird ein konventionell wirkender Actionkrimi, der zwei Männer auf der Jagd im Großstadtdschungel zeigt. Kersey, bei allem Zwiespalt gegenüber seinem mörderischen Treiben, wenn er dieses beginnt und den ermittelnden Beamten Ochoa. Winner folgt hier stur dem gleichen Muster, zieht die Schlinge um Paul Kersey Stück für Stück weiter zu, folgt seiner Vorstellung, in der Ein Mann sieht rot "nur" ein Actionthriller ist und beschäftigt sich nicht weiter mit seiner Hauptfigur.

Was den Film zweifelhaft macht, ist seine distanzierte Betrachtungsweise in seiner zweiten Hälfte. Winner erzählt einfach, zeigt das Geschehen; er ist gleichzeitig immer nahe bei Kersey und lässt uns an diesen, an sein Denken, nicht richtig heran. Weiter betreibt er dort einen Abgesang auf den Staat und dessen Gesetzeshüter, die macht- und ahnungslos dem mörderischen Treiben eines einzelnen Mannes zuschaut, wie er mit simplen Regelwerk Legislative, Judikative und Exekutive gleichzeitig darstellt. Der Film bezieht keine Stellung, gleitet dem Zuschauer davon, dem er zuvor Kersey als einen aufgeschlossenen Mann zeigte, ihn nahe an dessen Schicksal teilnehmen ließ. Für mich, der durchaus ein Faible für Rachegeschichten im Film hat, hinterließ er durch das Verhalten der Polizei gegen Ende einen sehr seltsamen Beigeschmack. Ratlos und von der Öffentlichkeit in eine Ecke gedrängt, entscheidet sich die Gesetzgebung, die letzte moralische Instanz der Geschichte um den Zuschauer mit einem guten Gefühl zu entlassen, sehr überraschend für einem Weg, der das Publikum alleine mit seinen Emotionen zwischen Mitgefühl für Kerseys Person und Verurteilung seiner Taten schwankt. Das macht Ein Mann sieht rot, der durch Winners Gespür für effektives Actionkino durchaus mit dem Prädikat "gut gemacht" versehen werden kann, zu einem auch heute noch leicht schwierigen Kandidaten. Es sollte jeder für sich entscheiden, ob man hier nun einen, zwei oder keinen Daumen dafür recken kann. Unter Vorbehalt mache auch ich das. Die persönliche Vorliebe für Rachestories kann auch nicht komplett unterdrückt werden. Gespannt bin ich nun allerdings auf die Fortsetzungen, die - in den Händen von Cannon Films - mit ihrem erzkonservativen, reaktionären Auftreten Winners Film sehr harmlos aussehen lassen sollen. Dieser deutet ungewollt mit der letzten Einstellung Kerseys Charakter in diesen an und macht - ganz neudeutsch gesprochen - Ein Mann sieht rot zu einem Origin für diese, während der Erstling einen leicht ratlos zwischen gut finden und in Frage stellen schwanken lässt.

5. April 2018

The Good Neighbor - Jeder hat ein dunkles Geheimnis

Im Grunde genommen ist The Good Neighbor - der ganz typisch für den hiesigen Markt vom Verleih OFDb Filmworks mit einem total unnötigen, die Handlung anschneidenden Untertitel versehen worden ist - ein geradlinig konzipierter Thriller. Seine verschachtelt erzählte, sich auf mehrere Zeitebenen abspielende Handlung und deren Twist ist durch diese gewählte Narrationsart irgendwann leicht abzusehen. Man kann nachvollziehen, wieso die Autoren Mark Bianculli und Jeff Richard diese Form gewählt haben und erst mit der Zeit - in Häppchen - die ganze Wahrheit aufdecken. Wahrheit und falsche Wahrnehmung Aufgrund vorschnell gezogener Schlüsse und Urteile, ist das grundlegende Thema des Films. Der Person of interest, der grummelige Harold Grainey, soll das mysteriöse, leicht unheimlich wirkende Image gewahrt werden, die sie auch bei den beiden Teenprotagonisten Ethan und Sean besitzt. Ersterer geht davon aus, dass dieser seine jetzt verschwundene Ehefrau geschlagen hat. Dazu bedroht Grainey jeden Fremden oder anderen Nachbarn, die ihn Nerven oder in die Quere kommen.

In den Augen Ethans besitzt Grainey die besten Voraussetzungen, um Hauptperson in einem perfiden Experiment zu sein. Während des wöchentlichen Einkaufs dringen die zwei Jugendlichen in das Haus ihres Nachbarn ein, installieren Kameras und allerlei Elektronika, um ihn dabei zu Filmen, wie er bei von ihnen hervorgerufene Heimsuchungen eines "Geistes" reagiert. Das Experiment soll über sechs Wochen andauern und dann im Internet veröffentlicht werden; der sehr überzeugte Ethan sieht sich schon als zukünftiger Superstar, während sein ruhiger Freund Sean Skepsis und Skrupel zeigt. Während der ersten Heimsuchungen reagiert ihr Nachbar nur anders als erwartet und nährt damit das in Ethans vorherrschende Bild über den alten Mann, verschwindet er doch bei den ersten Geistererscheinungen über Stunden im Keller. Die beiden vermuten, dass Grainey dort ein dunkles Geheimnis bewahrt und beschwören damit eine Tragödie herauf. Neben diesem Handlungsstrang springt der Film in kleine Sequenzen, welche die auf die Handlungen der beiden Jungs folgende Konsequenzen schildert, während zusätzliche Flashbacks dem Zuschauer ebenfalls in kleinen Zwischenspielen das angeblich schreckliche Geheimnis des alten Mannes offenbaren.

Das Ansinnen des Films, den Zuschauer damit gleichzeitig rätseln zu lassen, ob hier wirklich ein potenzieller Krimineller, vielleicht sogar Mörder, in der Nachbarschaft der Jugendlichen lebt und gleichzeitig die auch vom Publikum gezogenen Schlüsse zu widerlegen, lässt die gewollte Spannung nicht zur Gänze hochkochen. Eine verschachtelte Erzählstruktur allein ist nicht mit Cleverness verbunden; die Absicht, den Spannungsbogen anzuziehen, ist erkenn-, allerdings nicht spürbar. Mit den Rückblenden in Graineys Vergangenheit bekommt dieser Bogen leichte Durchhänger und lässt seine Story vorhersehbar erscheinen. Wäre da nicht der Unterbau von The Good Neighbor. Kasra Farhanis Debütfilm wirft gleichzeitig Fragen auf und regt zum Nachdenken an, wie in Zeiten von Internet und Social Media anhand einiger vermeintlicher Fakten, Beobachtungen und Aussagen Menschen in einem vollkommen falschen Bild erscheinen. Die Macht der Gerüchte und ihre Auswirkungen, dass vorschnell gezogenen Schlüsse wie hier in wahrhaftige Tragödien kulminieren, erzählt Farahani überraschend routiniert und für den Zuschauer nachvollziehbar. Das Setting dürfte man sicher mehr oder weniger selbst einmal mitbekommen haben, wenn verschiedene Parteien von ihrer Fantasie und vermeintlicher Kombinationsgabe, Anhand dieser Eigenschaften eine "Wahrheit" bezüglich ihrer Mitmenschen stricken.

The Good Neighbor geht auch der Frage auf den Grund, wie weit der Mensch seine ethischen Überzeugungen verbiegen kann, um im Rampenlicht zu stehen. Die 15 minutes of fame sind in der schnelllebigen Zeit des Internets, mit seinen kurzlebigen Memes und Phänomenen, gefühlt schneller vorbei als damals, als man von der dauerhaften Datenautobahn nur träumen konnte. Ethan steht dabei für den Schlag von Mensch, der ohne mit der Wimper zu zucken aus dem Leid Dritter Kapital schlagen möchte. Einzig und allein der dadurch aufkommende, zweifelhafte Ruhm soll mit dem zuerst als ernsthaft dargestellten psychologisches Experiment geerntet werden. In Zeiten von Hatespeech, Swatting und anderen (kriminellen) Handlungen im Internet ist Ethans Versuch pervertiertes Trollen eines Menschen, an dem man sich nur wegen einiger Gerüchte und eigenen Beobachtungen festgebissen hat. Ein richtiges Statement dazu liefert The Good Neighbor nicht. Der Film nimmt schnell eine neutrale Rolle eines stummen Reports ein und wird zu einer Chronologie der geschilderten Tragödie mit beißendem Ende, wenn Ethan, anders als geplant, plötzlich wirklich im Rampenlicht steht. Wahrscheinlich kann der Film auch deswegen nicht komplett packen. Dafür ist er ein überraschend intelligent gemachtes Debüt, das die ansonsten einfache Thrillerhandlung hübsch aufwertet.

30. März 2018

Cannibals

Scheiß auf Blair Witch Project! Sicher: dank seines kommerziellen Erfolges und der damit verbundenen Etablierung kann man ihn als Mutter des Found Footage-Horrors ansehen. Erst der 1999 entstandene, kleine Film sorgte, dank seines cleveren, viralen Marketings dafür, dass man über die Jahre einige mit verwackelter Handkamera, als vermeintlich authentisch verkauftes Material, gedrehte Horrorfilme ins Rennen schickte. Gefundene, vorgeblich wenig bis gar nicht editierte Filmereien als einen Teil der Handlung zu nutzen und diese damit zu erzählen, geht auf den italienischen Kannibalenfilm Cannibal Holocaust zurück, welcher mit diesem Storyaufbau die Regeln für das Found Footage-Genre aufstellte. Was liegt also näher, die Grundgeschichte des Films schamlos dafür zu benutzen, mit wenig Geld und wenig talentierten Darstellern und diesmal richtig verwackelter Kamera, da war das Original brav in den traditionellen Erzählbahnen des Kinos verhaftet, sowas nochmal zu bringen?

Mit diesem Gedankengang legte wahrscheinlich Jonathan Hensleigh, Regisseur des zweiten, 2004 entstandenen Punisher-Aufgusses, ein sehr dürftiges Drehbuch seiner Ehefrau vor. Dies ist seit 1995 Gale Anne Hurd, Ex-Frau von Brian de Palma und James Cameron und immerhin Produzentin solcher Kassenmagneten wie The Terminator, Aliens oder Armageddon - Das jüngste Gericht. In Hurds Kopf und Augen blinkten dann wohl mehr die hübschen grünen Dollarzeichen und überstimmten sicher (oder hoffentlich) den letzen rationell denkenden Teil, der Cannibals, der im Ausland als Welcome To The Jungle auf die nach Frischfleisch lechzenden, alles verschlingenden Horrorfans losgelassen wurde, als weniger tollen Beitrag zum Genre erkannte. Wenn dem so war, dürfte auch Hurd nicht entgangen sein, dass Hensleighs Drehbuch vier eindimensionale Figuren, einen Sunnyboy, seine engagierte, einfach nette Freundin, eine wilde Partymaus und den Kumpel des Sunnyboys, mit gleichgültiger wie abgefuckter Lebenseinstellung gesegnet, in den Dschungel von Papua-Neuguinea schickt um dort nach dem seit 1961 verschollenen Milliardärssohn Michael Rockefeller zu suchen.

Cannibals ist allerdings weniger ein schonungsloser Found Footage-Bericht und erfolgreicher Aufguss des Kannibalenfilms im damals trendigen Genre, sondern eher die nüchterne Erkenntnis, dass Hensleigh es schafft, selbst bei einer kurzen Laufzeit von 74 Minuten jede einzelne Sekunde mit Langeweile vollzupacken. Mehr ist das ein dröges Urlaubsvideo, ein Bericht über vier Freunde, die in hübscher Kulisse davon träumen, mit dem Fund des vermeintlich lebenden Rockefellers reich und berühmt zu werden. Der Bekannte eines Kumpels des Sunnyboys hat gehört, dass im unberührten Dschungel des indonesischen Teils der zweigeteilten Insel, ein an die 70-jähriger, weißer Mann gesehen wurde. Mit Dollarzeichen im Kopf und in den Augen streben die jungen Herzen in das dichte Grün des Eilands. Während des Trips zeigt sich, dass der Kumpel und die Partymaus das auch mehr als Urlaub, denn irgendwas wie Arbeit ansehen. Den streng gesteckten Zeitplan mit zeitigem Aufstehen etc. verschlafen und versaufen sie regelmäßig, was zu Streitereien führt. Irgendwann setzen sich die zwei unvernünftigen des Quartetts nach erneutem Gezanke eigenmächtig mit einem aufgefundenen Floß ab.

Auf dem Fluss treibend, schwappen sie langsam in die Arme des gesuchten Kannibalenstamms der bald merkbar seinen Unmut darüber zeigt, dass der völlig neben der Spur laufende Kerl des Gespanns an einer Grabstätte einen Schädel eines toten Stammesangehörigen mitgenommen hat. Auch Herr Sunnyboy und seine Freundin kommen alsbald an diese Stelle, finden kleine Spuren ihrer verschollen geglaubten Freunde und ebenfalls den besagten Stamm vor. Bis dorthin quält Cannibals mit nichtigen Szenen, unnötigem Geblubber der Protagonisten innerhalb eines um Authentizität bemühten Settings. Dies Ansinnen schafft der Wackelkamera-Menschenfresserschocker nicht richtig, Hensleigh erklärt den Umstand in seinem im filmischen verweilenden Werk bemürt damit, dass die vier mit zwei Kameras unterwegs sind und das Material nacheinander gezeigt wird. Die authentische Langeweile eines unnützen Urlaubsvideos gelingt dem Regisseur und Autoren; die Aufhebung des fiktiven Charakters hin zu einem reell wirkenden Augenzeugenvideo, um seiner Erzählung die gewünschte wahrheitsgetreue Wirkung zu verleihen, schafft er nicht einmal.

Lediglich das Ende, wenn Herr Sunnyboy samt Sunnygirl dem Stamm begegnen, ist atmosphärisch dank der natürlichen Beleuchtung und dem Schlussgag, wenn auch vorhersehbar, ganz nett. Nett ist, das dürfte bekannt sein, die kleine Schwester von scheiße. Dieses unflätige Wort sollte meines Erachtens nicht (häufig) wirklich in Filmbesprechungen auftauchen, aber ein Haufen Kot bleibt eben diese stinkende Ausscheidung, selbst wenn man ihn immer wieder Samtkissen oder blumig frischen Duftdung nennt. Cannibals, der sich auch noch erbärmlich billig bei einer Schlüsselszene von Cannibal Holocaust bedient und mit dem Found Footage-Stil halbwegs entschuldbar die von damaligen Filmen gewöhnten Gore-Eskapaden ausspart, bleibt aber eben das. Anders kann man das nicht ausdrücken. Nix mit Spannung, nix mit Figuren mit denen man mitfiebern und sich identifizieren kann. Lediglich ein durchschaubarer mauer Aufguss eines Subgenres mittels eines neuen, um etwas Kohle zu scheffeln. Das das anders geht, zeigte ausgerechnet Eli Roth mit dem netten, wenn auch zu braven Green Inferno (hier besprochen).

Atomic Blonde

Eigentlich ist Atomic Blonde in seiner Konzeption en vogue: es ist ein technisch gekonnt umgesetzter Film mit einigen guten Szenen, mitsamt einfallsreicher Fotografie. Seine Geschichte spielt nicht nur in den ausgehenden 80ern zur Zeit der bevorstehenden Wende in Deutschland, kurz vor dem Zusammenfall des eisernen Vorhangs, er bedient sich freudig bei der damals vorherrschenden Ästhetik. Es ist nicht einer dieser fancy retro movies, der vollends rückwärts gewandt mit verklärt nostalgischer Vita ganz vorgibt, aus einem anderen Jahrzehnt zu stammen. Atomic Blonde will wild, chaotisch, aufregend sein, wie die Zeit in der geteilten Stadt Berlin, in der seine Handlung spielt. Komplett erreicht er das leider nur bei seinem Soundtrack, der ungeniert in allen erdenklichen Stilrichtungen des Jahrzehnts wildert und so unterschiedliche Interpreten wie New Order, Nena, Peter Schilling, David Bowie, A Flock Of Seagulls, The Clash oder Siouxsee And The Banshees vereint.

Auf erzählerischer Ebene braucht David Leitchs Film wie einer der vielen zugezogenen Bewohner der Bundeshauptstadt eine ganze Weile um komplett anzukommen. Seine spröde Atmosphäre, die auch ästhetisch unterkühlt wirkt, die auch durch Wechsel zu wärmeren Farbpaletten in einigen Szenen nicht komplett verschwinden möchte, wahrt eine Distanz zum Zuschauer. Regisseur Leitch erklärte in Interviews zum Start des Films, dass er das vorherrschende Gefühl im damals noch geteilten Berlin, die dortige Stimmung, sein Aussehen, adäquat umsetzen wollte. Den Drehort Budapest haben die Set Designer mit beeindruckender Hingabe in die Stadt der deutschen Städte verwandelt, einigen historischen Unkorrektheiten zum Trotz, deren Bemängelungen mir vor einiger Zeit bei Twitter über den Weg liefen. Einem auf die Action und die Stimmung konzentrierten Film sollte man einige Unkorrektheiten verzeihen können; bei diesem Genre auf sowas zu achten und nörgelnd den Finger zu erheben ist meiner Meinung nach ebenso paradox (und unnötig) wie das ständige Verlangen einiger Menschen nach realistischem oder komplett logischem Handlungsverlauf in phantastischen Filmen.

Mehr zu bemängeln ist das Drehbuch, dass die Spionageposse um eine britische Agentin, die als Russin getarnt vom Geheimdienst ihrer Majestät nach Berlin geschickt wird, um einen Doppelagenten und eine Liste mit brisanten Informationen, die zuletzt im Besitz des ermordeten Agentenkollegen James Gasciogne war, ausfindig zu machen, höchst kompliziert erzählen möchte um den Zuschauer mit ständigen Wendungen zu überraschen. Anstatt eine Stimmung des Misstrauens zu erzeugen, stärkt er damit die Distanz des Films zum Zuschauer. In der Stadt ansässige Russen, ein Überläufer der Stasi mit fotografischem Gedächtnis der bei der Hatz auf die Liste zu einer wichtigen Person und Jagdobjekt wird, ein britischer Kollege mit zweifelhafter Einstellung bezüglich seiner Arbeitsmoral und dann auch irgendwie noch mitmischende französische Agenten bringen die Story zum überquellen. Auf visueller Ebene funktioniert Atomic Blonde und scheint sich wahrscheinlich gut an der Graphic Novel-Vorlage zu orientieren. Mit der verknoteten Narration hangelt man sich als Zuschauer von Szene zu Szene, erfreut sich an den hübschen Bildern und wartet, ja hofft, auf den einen Moment, der das Ruder herumreißen könnte.

Es dauert, aber: er kommt. Eine gut zehnminütige, ohne jeglichen Schnitt auskommende Sequenz, in der sich Hauptdarstellerin Charlize Theron mit dem angeschossenen Überläufer im Schlepptau durch ein ganzes Treppenhaus und eine Wohnung prügelt und schießt, ist eine der besten Actionszenen der letzten Jahre. Die fließende Steadycam, die immer nahe an der Protagonisten und dem Geschehen ist, bringt auch eine Annäherung zum Zuschauer selbst, der von der perfekten, knochentrockenen und -harten Choreographie von Beginn an mitgerissen wird. Danach funktioniert alles etwas leichter, der imaginäre Stock im Hintern des Films scheint mit Schwung raus gezogen worden zu sein. Der Funke ist übergesprungen; für einen komplett positiven Gesamteindruck zu spät. Unterkühlt kann man bis dahin nicht nur Therons Spiel nennen, die zeitgleich nicht nur den mit bösen Absichten durch Berlin stapfenden Spionagekollegen aus Russland, sondern dem ganzen Werk an sich in den Hintern getreten hat.

Wenigstens das ist ein weiterer Punkt, den man bei Atomic Blonde positiv verbuchen kann: Er stellt eine Frau in Mittelpunkt, eine verdammt starke und wortwörtlich schlagkräftige Heldin, die weit über den restlichen, männlichen Figuren positioniert ist. Der Film vertritt einen Kick Ass-Feminismus, der nicht einfach eine weibliche Protagonistin präsentiert, um damit genügend Frauen anzusprechen die mit Theron als Agentin mitfiebern können. Nebenbei, vielleicht unbeabsichtigt, vielleicht hinnehmend wenig vertieft und ausgearbeitet, zeigt Atomic Blonde dem mit vorwiegend männlichen Protagonisten arbeitenden Actionkino einen Mittelfinger und zeigt, dass auch coole Frauen durchaus ihren Mann stehen und einen Film tragen können. Immer nur Statham, Diesel und die restlichen, allseits bekannten (und langweiligen) Gesichter sind eintönig und das alle Actionhelden meistens mit einer großen Knarre als Phallussymbol unterstreichen, dass der Mann das sagen im Actiongenre hat, ist schrecklich überholt. Das wiederum macht Atomic Blonde richtig, auch wenn er formell auf erzählerischer Ebene eine Spur zu dick aufträgt und die Fäden seiner Geschichte schnell zu fest zurrt und verknotet. Aber man kann eben nicht alles haben.